Aus Laufburschen werden Firmenchefs
Walter Joneck (80) und Klaus Duttenhöfer (82) hatten am Wiederaufstieg der Schuhfabrik Peter Kaiser nach der Stunde Null entscheidenden Anteil. In der Reihe „Wer hat Rheinland-Pfalz gemacht ?” erzählt das SWR-Fernsehen, die Biografie der beiden Unternehmer, die der Marke zu weltweitem Renommée verholfen haben.
Die Frankfurter Autorin Ulrike Gehring nimmt die Fernsehzuschauer in neun Episoden für jeweils 30 Minuten mit auf eine packende Zeitreise in die fünfziger Jahre, als aus den Ruinen skelettierter Städte neue Hoffnung keimte, Hunger, Armut und die französischen Besatzer das Leben der Menschen in dem noch jungen Retortenland bestimmten.
„Im Mittelpunkt stehen Menschen, die mit ihren Biografien ein Stück rheinland-pfälzischer Identität geschaffen haben”, so SWR-Sprecher Wolf-Günther Gerlach zum Konzept. Es gehe in der Reihe weniger um diejenigen, die das „große Rad” gedreht haben, sondern hauptsächlich um Bürger, in deren Lebensgeschichte die historischen Umstände von damals wieder lebendig werden.
So wirft die Sendereihe einen augenzwinkernd nostalgischen Blick zurück in die turbulente Zeit des deutschen Wirtschaftswunders und Wiederaufbaus, die Figuren wie Walter Joneck und Klaus Duttenhöfer hervorgebracht hat. Sie haben gemeinsam ab 1949 bei Peter Kaiser ein Stück Pirmasenser Schuhgeschichte geschrieben. Jener zerbombten Fabrik, die Duttenhöfers Patenonkel Heinrich Häfner, Vetter Herbert Kettenring und Karl Joneck aus den Trümmern aufbauten. Die Besonderheit des Films: Aus der Perspektive der Gegenwart wird die Nachkriegsära neu erzählt, als den Menschen die Zerstörung noch in den Knochen kauert, genauso wie der Verzicht und große Hunger.
Mehrere Wochen haben die Dreharbeiten gedauert, erzählt Autorin Ulrike Gehring im PZ-Gespräch. „Wir haben dazu die beiden Zeitzeugen interviewt und mit der Kamera beim Rundgang durch die Fabrik begleitet”. Erst aus den Dialogen und Erzählungen seien schließlich die Drehbücher entstanden.
„Wir erzählen die Geschichten auf verschiedenen Ebenen, erklärt die Regisseurin die außergewöhnliche Adaption. Dreh- und Angelpunkt sind die Zeitzeugen. „Denn wer kann die Vergangenheit besser ans Licht holen, als diejenigen, die sie erlebt haben”, ist Gehring überzeugt. Auf der Reportage-Ebene nehmen die beiden ehemaligen Peter- Kaiser-Geschäftsführer die Filmleute und damit die Zuschauer mit in ihre persönliche Vergangenheit. „Sozusagen auf den Dachboden der Erinnerungen”, verdeutlicht Gehring. Die Perspektive bleibt dabei bunt und im Heute. Die beiden Fabrikanten erzählen, wie sie damals – auf Anraten des Düsseldorfer Schuhhändlers Paul Prange – bei Melone und Prosciutto die Entscheidung gefällt haben, im zerstörten Pirmasens elegante Pumps herzustellen. Wie alles anfing, wissen die beiden noch ganz genau: „Es war ein Montag im Februar 1953, als Direktor Karl Joneck uns ins Büro bestellte hatte”, sagt Duttenhöfer. Ihr müsst das Ding jetzt weiter machen, sagte er. Eine Handvoll Arbeiter, ein paar Maschinen und eine Nachkriegslizenz – das waren nicht die leichtesten Voraussetzungen für zwei Neulinge, um ins Geschäft einzusteigen. Plötzlich wird die Vergangenheit lebendig. Gerade noch stöbern Duttenhöfer, der große elegante Designer, und Joneck, der kleine Gemütliche mit Fingerspitzengefühl für die Technik, im Hier und Jetzt – ein Schwenk, schon befinden sich die Zuschauer im schwarzweißen Damals. Auf der Spiel-Ebene verkörpern Schauspieler die beiden Pirmasenser Fabrikanten. „Um die Ereignisse für das Publikum greifbar zu machen, wurden die Spielfilm-Szenen in schwarz-weiß gezeigt”, erklärt Autorin Ulrike Gehring die Philosophie der unterschiedlichen Erzählebenen. Durch diese Verknüpfung entstehe ein außergewöhnlich lebendiges Portrait, das geeignet sei, das historische Bewusstsein der Bürger für ihr Land zu schärfen, glaubt SWR-Intendant Peter Boudgoust.
„Gedreht wurde in Pirmasens und Umgebung. „Mit Hilfe von Requisiten haben wir das Ambiente der 50er Jahre nachempfunden”, so Gehring. Ein VW-Käfer mit Brezelfenster und eine schwarze Mercedes Limousine waren nach dem Krieg die ersten Firmenwagen bei Peter Kaiser. „Von privaten Sammlern haben wir uns die Wagen geliehen”. Um die Szenen im Peter- Kaiser-Werk authentischer zu gestalten, wurden sogar Maschinen aus dem Hauensteiner Schuhmuseum herangeschafft und Kaffee-Ersatz-Packungen gebastelt. „Wer hat Rheinland-Pfalz gemacht”? (zwi / PZ)
